
Der Geruch von Motoröl liegt in der Luft, während Robert, der nur beim Vornamen genannt werden möchte, konzentriert unter der geöffneten Motorhaube eines weißen Autos arbeitet. Mit ruhigen Bewegungen löst er eine Schraube, prüft eine Leitung, nickt zufrieden. „Das hier“, sagt er und klopft leicht auf den Motor, „das ist mein Platz. Hier fühle ich mich zu Hause.“ Dabei war es ein weiter Weg, bis der 39-Jährige da ankommen konnte, wo er heute steht: mitten in seiner Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker bei Schmidt & Hoffmann in Kiel – und mitten in einem neuen Leben in Deutschland.
Von Quarantäne, Bürokratie und dem langen Warten
Als Robert aus humanitären Gründen aus Russland nach Deutschland flieht, weiß er, dass ein Neuanfang nie leicht ist. Aber die Umstände sind zusätzlich erschwert: Im September 2021 ist die Covid-Pandemie in vollem Gange. Auf einen Monat Quarantäne in Neumünster folgen vier Monate im Flüchtlingsheim in Kiel-Dietrichsdorf. „Das Schwierigste war das Nichtstun“, erzählt er. „Und die ganze Bürokratie. Sechs Monate hat es gedauert, bis ich meinen Aufenthaltstitel hatte.“ Unterstützung bekommt er in dieser Zeit von der Jüdischen Gemeinde in Kiel und Region e.V., die ihm hilft, erste Schritte durch die deutschen Behörden zu gehen.
Deutsch lernen – und zwar im echten Leben
Auch beim Spracherwerb spürt der 39-Jährige schnell, dass Theorie nur ein Teil ist. „Die Deutschkurse waren gut, aber besser gelernt habe ich beim Arbeiten und im Kontakt mit Menschen.“ Er macht ein Jahr Bundesfreiwilligendienst und noch eine Arbeitsgelegenheit im Servicebüro Gaarden. „Da musste ich Deutsch sprechen – jeden Tag, fast immer. Nur so geht es, auch wenn ich Deutsch natürlich nie so gut sprechen werde wie ein Muttersprachler.“
Der wichtigste Schritt? Sein Wille. Und ein bisschen Unterstützung.
Wenn man den Fahrzeugtechniker fragt, was ihn letztlich in Richtung Ausbildung gebracht hat, antwortet er ohne zu zögern: „Mein Wille. Wenn ich an Autos schrauben kann, bin ich glücklich.“ Schon in Russland reparierte er Fahrzeuge. Aber nur ein Teil seiner Qualifikation wird anerkannt. Dass er in Deutschland dieselbe Chance bekommen würde, war für ihn ein wichtiges Ziel. Auf dem Weg dahin unterstützte ihn das Jobcenter Kiel. Unter anderem wird dort für einen kurzfristigen Start in die Ausbildung auch die Handwerkskammer Lübeck mit ins Boot geholt. Ein Netzwerk, das schon oft tolle Erfolge erzielt hat. „Meine Integrationsfachkraft, Frau Callies, hat mir sehr geholfen“, sagt der Azubi über das Jobcenter. „Sie hat mir viel ermöglicht und später auch die Assistierte Ausbildung organisiert. Ohne diese Unterstützung wäre vieles schwieriger gewesen.“
Assistierte Ausbildung: Hilfestellung, wenn es wichtig wird
Bei der Assistierten Ausbildung unterstützen Lehrkräfte ganz praktisch bei allen Fragen rund um den Lernstoff. „Dort kann ich alles klären, was in der Berufsschule offen blieb“, sagt der Auszubildende im zweiten Lehrjahr. „Die Unterstützung kommt genau dann, wenn ich sie brauche. Nicht zu viel, nicht zu wenig.“ Aktuell lernt er für Klausuren, deshalb ist der Kontakt etwas geringer. „Ich brauche die Zeit zum Lernen – und sie lassen mir diese Zeit. Das ist gut.“
Und nach der Ausbildung? Er lacht. „Ich mag Kiel. Das Klima erinnert mich an meine Herkunftsstadt St. Petersburg. Aber Kiel ist kleiner und mir fehlt die schöne Architektur.“ Ganz sicher sei daher nicht, ob er für immer bleiben wird. Leipzig reizt ihn – und die Berge möchte er endlich einmal von unten sehen, nicht nur aus dem Flugzeugfenster. Eins weiß er aber ganz genau: „Ich werde immer etwas mit Autos machen. Das liebe ich.“
Sein Rat an andere Zugewanderte
Anderen Zugewanderte rät Robert: „Keine Angst haben. Mutig sein. Auf Menschen zugehen.“ Und er ergänzt: „Sucht Arbeit. Mit Arbeit wird alles leichter. Hier gibt es so viele Möglichkeiten für ein gutes Leben – jeder findet eine.“
Ein Weg, der Mut macht. Wenn Robert heute über den Motor gebeugt steht, ist vieles von damals weit weg. Aber nichts davon ist vergessen: die Quarantäne, die Unsicherheit, das Warten, der Neuanfang. Sein Weg zeigt, was möglich wird, wenn Eigenmotivation, Unterstützung von Familie und Anlaufstellen sowie die passenden Hilfen des Jobcenters zusammenkommen. So wird aus einem Auto mit offener Motorhaube ein Symbol dafür, was passieren kann, wenn jemand sagt: „Ich schaffe das.“
